WAS IST ZERO WASTE?

Zero Waste ist die Bewahrung aller Ressourcen mittels verantwortungsvoller Produktion, Konsum, Wiederverwendung und Rückgewinnung von Produkten, Verpackungen und Materialien ohne Verbrennung und ohne Absonderungen zu Land, Wasser oder Luft, welche die Umwelt oder die menschliche Gesundheit bedrohen.

– Definition laut ZERO WASTE INTERNATIONAL ALLIANCE, 20. Dezember 2018

Der Begriff Zero Waste bedeutet „null Abfall, null Verschwendung“ und bezeichnet eine Philosophie, die darauf abzielt, die Ursachen für Abfall und Verschwendung im menschlichen Verhalten zu eliminieren. Denn das Phänomen der Müllproduktion und damit einhergehender Ressourcenverschwendung ist nur ein Symptom einer viel tiefer liegenden, komplexen Malaise des Menschseins. Der Zero-Waste-Ansatz will ein Umdenken zugunsten eines nachhaltigen, bewussten Umgangs mit unseren planetaren Ressourcen fördern, um unser Produktions- und Konsumverhalten auf diese Weise wieder in Einklang mit dem Gleichgewicht der Natur zu bringen. Dabei ist Zero Waste nicht als unmittelbare Regel, sondern vielmehr als langfristiges Leitprinzip gedacht, nach dem es in einem kontinuierlichen Prozess zu streben gilt.

Ein Zero-Waste-Lebensstil versucht, die Entstehung von Müll jeglicher Art zu vermeiden

Zero Waste will nicht nur wirtschaftliche Aktivitäten von Umweltzerstörung entkoppeln, sondern darüber hinaus Resilienz und natürliches Kapital für künftige Generationen aufbauen. Denn insbesondere angesichts der wachsenden Weltbevölkerung stehen wir vor der dringenden Herausforderung, die begrenzten Ressourcen unseres Planeten möglichst umweltfreundlich und minimal zu nutzen. Durch die effektive Reduktion des Abfallaufkommens – etwa von Verpackungsmüll, Elektroschrott, Baumaterialien und Lebensmitteln – lässt sich nicht nur Zeit und Geld einsparen, sondern auch ein wesentlicher Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz leisten.

Laut Circularity Gap Report 2021 ist der Umgang mit Material jeglicher Art – das früher oder später zu Abfall wird – weltweit für etwa 70 % aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Man bedenke nur die Mengen an CO2, die der Transport von Gütern und Rohstoffen per Flugzeug, Schiff oder über Land verursacht, oder an die Energie, die zur Herstellung von Lebensmitteln, Kleidern oder anderen Gebrauchsgegenständen, für den Betrieb von Stahlwerken und Aluminiumhütten oder in der Bauindustrie notwendig ist. Auch bei der Müllverbrennung und -deponierung entstehen umwelt- und klimaschädliche Emissionen wie u. a. CO2, Schwefeloxid, Stickstoffoxid und Methan sowie giftige Rückstände.

Hinzu kommt die gegenwärtige dritte große Umweltkrise neben dem Klimawandel und dem Artensterben: Die globale Plastikflut und damit verbundene Verschmutzung von Wasser, Boden und Luft. Ob in Form von Fischernetzen, wild deponiertem Verpackungsmüll, Nano- oder Mikroplastikpartikeln: Plastik wurde mittlerweile an den entlegensten Orten der Welt und sogar in der Nahrungskette festgestellt. Schätzungen zufolge haben sich bereits rund 150 Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren angesammelt. Die genauen Auswirkungen auf die Ökosysteme, auf die Tierwelt wie auch auf die Gesundheit des Menschen sind noch weitestgehend unerforscht.

Der beste Abfall ist der, der gar nicht erst entsteht

Der umfassende Lösungsansatz, den die Zero-Waste-Philosophie propagiert, ist eine effektive Kreislaufwirtschaft. Im Gegensatz zu unserem heutigen linearen Wirtschaftssystem, das vorrangig auf der einmaligen Verwendung von Produkten beruht, will die Kreislaufwirtschaft sämtliche Güter und Materialien so lange wie möglich im Umlauf halten. Dies kann beispielsweise durch Wiederverwendung, Up- und Recycling, Reparatur oder Kompostierung erfolgen. Der Fokus wird dabei auf den Anfang des Herstellungsprozesses gelegt und denkt den gesamten Lebenszyklus eines Produkts mit.

In diesem Zusammenhang kommt der Politik eine besondere Verantwortung zu, neue Strategien bezüglich Produkt- und Verpackungsdesign, Herstellungsprozessen und Materialauswahl in der Industrie zu fördern. Nur durch die umfassende Neugestaltung von Produktions- und Konsumsystemen, in denen die benötigten Ressourcen langfristig integriert bleiben, lässt sich das Zero-Waste-Ziel in einem steten Prozess erreichen. Ein positiver Nebeneffekt dieser Veränderung macht sich übrigens nicht nur im Klima- und Ressourcenschutz, sondern auch in der Wirtschaftsentwicklung bemerkbar: Laut einer Studie der Global Anti-Incineration Alliance (GAIA) haben Zero-Waste-Ansätze das Potenzial, über 200-mal mehr Arbeitsplätze als herkömmliche Abfallbewirtschaftungsstrategien zu kreieren. So will die EU beispielsweise mit ihrem Circular Economy Action Plan bis 2030 rund 700.000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Die 5R-Prinzipien der Zero-Waste-Abfallhierarchie

Die Zero-Waste-Abfallhierarchie beschreibt die Prioritätenreihenfolge der Strategien, die dem Ziel der Müllfreiheit dienen, und richtet sich sowohl an politische Entscheidungsträger:innen, die Industrie und an Einzelpersonen.

Das Grundprinzip Refuse, also die Abfallvermeidung, hat oberste Priorität und bedeutet den Verzicht auf unnötigen Konsum: Denn wo nichts konsumiert wird, fällt auch kein Abfall an. Was zunächst einfach klingen mag, erfordert in Wirklichkeit ein grundlegendes Umdenken, Klarheit in Bezug auf wesentliche Bedürfnisse sowie Bewusstsein über globale Zusammenhänge. Neben der Konsumverweigerung sind etwa das Einkaufen in Unverpacktläden und Gebrauchtwarenkaufhäusern beliebte Möglichkeiten, dem Massenkonsum zu entsagen.

An zweiter Stelle in der Hierarchie folgt Reduce: Hierbei wird der eigene Haushalt auf das nötigste Minimum reduziert. Überflüssiger Besitz, zum Beispiel Kleidung, Elektronik, etc., ersetzt durch Verschenk- oder Leihaktionen den Neukauf. Auch DIY-Lösungen zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen, Kosmetika oder Hygieneprodukten aus minimalen Rohstoffmengen zählen hierzu.

Das Prinzip Reuse zielt auf die Wiederverwendung und Reparatur von Gebrauchsgegenständen ab. Hierunter fallen etwa sämtliche Mehrweg- statt Einweglösungen, die konsequente Förderung reparaturfähiger Produkte oder auch die Umnutzung von Gebrauchsgegenständen und -materialien für andere Zwecke.

Recycle: Beim Recycling wird alles, was nicht vermieden, reduziert und wiederverwendet werden kann, wieder dem Wertstoffkreislauf zugefügt. Da in der Realität jedoch bei Weitem keine hundertprozentige Recyclingquote erzielt wird und im Prozess zusätzliche Energie und Ressourcen aufgewendet werden müssen, ist das Recycling in der Zero-Waste-Philosophie kein erstrebenswertes Leitprinzip.

Rot als unterste Stufe meint das Kompostieren von biologisch abbaubaren Rohstoffen, zum Beispiel von Küchenabfällen, im eigenen Zuhause oder in lokalen Kompostieranlagen, um daraus Komposterde zur Blumen- oder Pflanzendüngung zu gewinnen.

Eine detailliertere Abfallpyramide findet sich auf den Seiten der Zero Waste International Alliance.

Die Zero-Waste-Bewegung

Im Jahr 2002 gründete sich die Zero Waste International Alliance (ZWIA), um globale Standards für die Entwicklung von Zero Waste zu etablieren. Am 29. November 2004 wurde die erste von Expert:innen überprüfte, international anerkannte Definition von Zero Waste durch die ZWIA-Planungsgruppe angenommen. Zahlreiche internationale Fachdialoge und Förderungen ließen die Zero-Waste-Initiative zu einer sozialen, weltweiten Bewegung anwachsen. Aktuell global agierende Zero-Waste-Akteure sind beispielsweise #breakfreefromplastic (BFFP) und Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA). In Europa ist Zero Waste Europe (ZWE) das entsprechende Netzwerk, an dem sich auch Zero Waste Germany mit weiteren nationalen Initiativen beteiligt. Mittlerweile existieren in vielen Ländern und Städten kommunale bzw. nationale Zero-Waste-Vereine, die sich alle demselben Ziel verschrieben haben.

Als Pionierin des Zero-Waste-Lebensstils gilt die in Kalifornien lebende französisch-amerikanische Umweltaktivistin und Autorin Béa Johnson. Mit ihrer Familie produziert Johnson jährlich gerade mal ein Einmachglas an Müll. Bereits ab 2009 gab sie mit dem Blog www.zerowastehome.com praktische Tipps für einen minimalistischen Zero-Waste-Lebensstil. Anschließend fasste Johnson ihre Erfahrungen in ihrem 2013 veröffentlichten Buch Zero Waste Home: The Ultimate Guide to Simplifying Your Life by Reducing Your Waste zusammen. Das Buch wurde in 28 Sprachen übersetzt und verhalf der anfänglich oftmals als utopisch abgetanen Lebensphilosophie zu populärer Verbreitung. Auf Johnson geht auch die Definition der 5R-Regeln der Zero-Waste-Abfallhierarchie zurück.

Auf kommunaler Ebene wurde zudem das Konzept der Zero-Waste-Städte entwickelt, das eine entsprechende Zertifizierung vorsieht. Diesem Plan folgend bekennen sich die Kommunen zur Müllreduktion und engagieren sich in einem mehrjährigen Prozess durch unterschiedliche Maßnahmen aktiv für Müllfreiheit. In der Bundesrepublik ist die Stadt Kiel Vorreiter dieser politischen Entwicklung: Bis zum Jahr 2035 will Kiel als Zero Waste City seine Haus- und Geschäftsabfälle um rund 50 Prozent, bis 2050 um rund 70 Prozent gegenüber 2017 senken. Weltweit sind als Pionierstädte etwa San Francisco in den USA, die slowenische Hauptstadt Ljubljana, das italienische Capannori und San Fernando auf den Philippinen bekannt.