Waterkant Festival 2019: Zero Waste in jeder Hinsicht

Waterkant.sh ist ein grenzüberschreitendes Start-up Festival (mit Start-ups hauptsächlich aus Schleswig-Holstein und dem Ostseeraum) mit interaktiven Workshops, inspirierenden Vorträgen, innovativen Ideen und informellem Austausch sowie rund 1.000 Besuchern. Das nun zum vierten Mal stattfindende Festival zeigt die wachsende Aufmerksamkeit für nachhaltige Themen wie Klimawandel, Mobilität und Abfallreduzierung. In diesem Jahr hat ein Teil des Organisationsteams - Sylvie Rham, Alexander Ohrt, Tim Logan und Eliza Rottengatter von Opencampus.sh - unterstützt vom Zero Waste Kiel e.V. - ein systematisches Abfallvermeidungskonzept für das Festival erstellt. Mit ihrem Motto "RE///THINK" haben sie es die Zero Waste Hierarchie ganz oben auf die Zero Waste Hierarchie gesetzt!

Für den Zero Waste Kiel e.V. kommt diese Erfahrung einem ihrer aktuellen Projekte zugute, bei dem ein modulares "Zero Waste Certification"-System für Festivals, Organisationen, Unternehmen oder Institutionen konzipiert wird. Dieses Projekt wurde in die Cross Border Innovation Challenge der Region Kiel eingereicht und wird auf europäischer Ebene mit anderen Mitgliedern des Zero Waste Europe Netzwerks weiterentwickelt.

Um Zero Waste zu erreichen, braucht man bestimmte Zutaten: logistische Fähigkeiten, gesunden Menschenverstand, aber auch einen starken Willen, Leidenschaft und Kreativität. Diese ersten beiden Zutaten sind die Mindestqualitäten, die man von guten und erfahrenen Festivalorganisatoren erwarten würde. 😊 Aber wir haben mehr Willen, Leidenschaft und Kreativität erlebt, als wir vorher hätten glauben können! Ich möchte Sylvie zitieren, die im Blog des Festivals Folgendes geschrieben hat:

„Mit Marie und Marc Delaperierre von unverpackt und dem Zero Waste Kiel e.V. haben wir uns zusammengesetzt, um systematisch durchzugehen, an welchen Stellen das Festival wodurch Müll verursacht und was mögliche Alternativen dazu wären. Das war im ersten Moment gar nicht so einfach, denn Gewohnheiten nimmt man auf den Blick gar nicht wahr. Nachdem man aber einmal begonnen hatte, die verschiedenen Bereiche zu durchdenken, fiel uns immer mehr auf und kamen uns immer neue Ideen. Man war wie in einem Rausch! Und das beste daran war: es war witzig und spielerisch und irre kreativ!“

Obwohl noch Verbesserungen vorgenommen werden können, verdient das Festival vom 13. und 14. Juni wirklich den Titel "Zero Waste Festival". Lasst uns einen genaueren Blick auf einige der Zero Waste Beispiele werfen.

Alexander (Bild Opencampus)

 

Festival-Infrastruktur

Das Festival selbst befindet sich in einer alten Marinefliegergeschwader an der Kieler Förde und haucht dem Ort vorübergehend neues Leben ein. Fast alle Dekorationen wurden aus wiederverwendeten (und wiederverwendbaren) Materialien und gebrauchten Möbeln hergestellt. Die Schilder wurden nicht gemalt, sondern mit Kreide geschrieben, was die Möglichkeit bietet, sie für die nächsten Festivals wiederzuverwenden. Die zur Dekoration verwendeten Pflanzen wurden bis zum Ende des Festivals in einer Auktion versteigert.

Essen und Trinken

Wasser ist eine lebensnotwendige Ressource und Leitungswasser ist die nachhaltigste Art, sie zu verteilen. Bei vielen Festivals hat man keinen Zugang dazu oder muss um ein Glas kostenloses Wasser betteln. Viele Caterer oder Getränkeverkäufer glauben, dass dies ihren Gewinn verringern würde. Keine Sorge: Solange Wasser und nicht Bier aus dem Wasserhahn fließt, wird das nicht passieren. Im Gegenteil, ein Glas Wasser kann dazu führen, dass man sich wieder besser fühlt und für das nächste Glas Wein bereit ist! In der alten Lagerhalle sind die Wasserversorgungspunkte sehr begrenzt. Trotzdem kümmerte sich das Team darum und füllte im zentralen Bereich des Festivals mehrere große Gläser mit Wasser nach.

Im selben Gebiet wurden Obst, Gemüse und Chutney von der Gruppe Resteritter kostenlos angeboten.

Auch Food Trucks und Caterer waren anwesend: Speisen und Getränke wurden in Mehrweggeschirr verkauft. Einwegartikel wurden komplett vom Festival ausgeschlossen. Das Essen auf einem richtigen Teller vermeidet nicht nur Müll, sondern lässt das Essen auch besser schmecken. Egal, ob es sich um einen veganen Wrap oder eine klassische Currywurst handelt. Einweg-Strohhalme wurden durch natürliche Strohhalme (oder gar keinen Strohhalm) ersetzt und Stoffservietten wurden anstelle von Papier verwendet.

Spülbar, eine Initiative, die eine Geschirrspülmaschine auf einem Lastenrad anbietet, kümmerte sich um den Abwasch.

Was sichtbar ist und was unsichtbar bleibt

Zero Waste kann frustrierend sein, besonders wenn man sich wünscht, dass die eigenen Bemühungen sichtbar werden. Dies ist schwierig, wenn die Zero Waste Alternativen bedeuten, dass es möglicherweise nichts zu sehen gibt: Keine Namensschilder für die Teilnehmer (in den Vorjahren wurden Bierdeckel als Namensschilder wiederverwendet), keine Markierungen auf den Parkplätzen und so weiter.

Abfallmanagement

Ein gutes Abfallmanagement vor Ort ist unerlässlich. Festivalbesucher können faul sein, so dass sie die Mülltonnen schnell finden müssen, wenn das Festival nicht als verwüsteter Ort enden soll. Deshalb wurden an mehreren Stellen Behälter für die Mülltrennung aufgestellt. Ebenso wurde in der Nähe jeder Abfallstation eine Box zum Sammeln von Pfandflaschen und Mehrweggeschirr aufgestellt. Einige Helfer*innen trugen dazu bei, dass es während des Festivals gut organisiert war.

Das örtliche Entsorgungsunternehmen ABK, das bereits die vom Zero Waste Kiel e.V. organisierten Müllsammelaktionen unterstützt, reagierte sehr positiv auf die Forderung mehrerer Behälter, die eine Trennung der Abfälle ermöglichen. Um uns herauszufordern, stellten sie für das gesamte Festival nur eine Restmülltonne zur Verfügung!

Kurz vor dem Festival führte Marie einen letzten Check-In mit den Organisatoren des Festival durch und gab Ratschläge, wie die Entsorgungslogistik zwischen Ständen, Caterer und zentralen Behältern effizient gestaltet werden könnte.

Zero Waste werben

Ein Festival braucht Werbung, um besucht zu werden. Normalerweise würde es Flyer, Schilder, Goodies und dergleichen geben. Waterkant verfolgt einen minimalistischen Ansatz mit einer begrenzten Anzahl von Flyern im Postkartenformat an strategischen Orten sowie einer gut ausgebauten Online-Kommunikation. Den Rest erledigte der gute Ruf des Festivals!

Ebenso wurden während des Festivals keine Flyer verteilt und die Informationen über Sponsoren und Partner auf eine einzelne Tafel reduziert.

(Bild, Flyer)

 

Zero Waste be-werben

Um ein Festival abfallfrei zu machen, muss das Ziel allen Besucher*innen, Partnern, Lieferanten (wobei regionale und nachhatlige Unternehmen gewählt werden können), Aussteller*innen und allen anderen Akteuren kommuniziert werden, damit diese die eigenen Bemühungen unterstützen und nicht gegenteilig handeln (z.B. Lieferung von Getränken in Einwegflaschen).

Dies wurde vom Team des Waterkant Festivals in der gesamten Kommunikation vor und während des Festivals sehr deutlich gemacht. Es gab einen Verhaltenskodex, mehrere Blogartikel zum Thema Zero Waste und kleine Erinnerungen während des gesamten Festivals:

Zum einen kündigte Tim Logan in seinem Eröffnungsvortrag an, dass sich das Festival Zero Waste zum Ziel gesetzt habe. Zweitens ermöglichten die großen Müllbehälter den Besucherinnen und Besuchern, die während des Festivals und seiner Vorbereitung anfallenden Abfälle tatsächlich zu sehen.

Auch der Zero Waste Kiel e.V. war mit einem gut sichtbaren Stand vertreten. Skadi Frahm, Pia Stock und Frederike Fahrenbach informierten darüber, was Zero Waste bedeutet und wie unser Verein Zero Waste im Alltag in Unternehmen und Städten fördert.

Und wir können mit Stolz über das Ergebnis unserer Maßnahmen sprechen: Zero Waste wurde von Besucher*innen, Ausstellern und Partnern anerkannt - und es entstand nur sehr wenig Abfall!

Verbesserungspotenzial für die nächsten Jahre? Fehlbarkeit akzeptieren und nachbereiten.

Da dieses Jahr der Erstversuch eines müllfreien Festivals war, werden unsere Ansprüche in den kommenden Jahren noch höher ausfallen. Natürlich war nicht alles perfekt: Caterer, die ihren Gästen Papierservietten oder Kartonteller anboten, unzureichende Beschilderungen, die für Verwirrung bei den verschiedenen Abfallstationen sorgten, und allgemeines Verbesserungspotential der Zero Waste Vision.

Die ehrliche Absicht, den Zero Waste Ansatz zu verfolgen, war unerlässlich für den Erfolg der Idee. Was in den nächsten Jahren noch zu tun bleibt, ist die Verbesserung von Logistik und Kommunikation.

Zero Waste Kiel e.V. wird sich wieder mit dem Kernteam des Festivals treffen. Wir werden uns mit den durchgeführten Maßnahmen und den verbleibenden Potenzialen befassen und mit einer quantifizierten Zusammenfassung des Abfallergebnisses abschließen. Aber ihr könnt sichergehen, dass dies ein Vorwand ist, um gemeinsam zu schnacken und unseren Erfolg zu feiern! 😉

 

Übertragungen des Modells

Festivals, Ausstellungen oder andere Veranstaltungen werden häufig genutzt, um neue Produkte, Marken oder Technologien zu bewerben, da sie ein großes und empfängliches Publikum ansprechen. Doch das Waterkant Festival macht deutlich, dass hier auch einer breiten Öffentlichkeit neue ökologische Visionen wie Zero Waste vorgestellt werden können (Waterkant hat auch Themen wie Mobilität angesprochen – bspw. indem Besucher*innen zur Anreise per Rad inspiriert wurden -, Nahrung und Energie). Das Festival konnte davon überzeugen, dass diese ökologischen Visionen auch auf großer Ebene möglich und somit Indikatoren und Multiplikatoren der sozialen Veränderungen sind, die heute notwendig sind, um ökologischen Herausforderungen zu begegnen.

Was bei Waterkant getan wurde, kann unabhängig von der Größe reproduziert werden. Für Zero Waste Kiel e.V. war es ebenfalls eine äußerst interessante Erfahrung. Wir wollen weiterhin andere Zero Waste Initiativen unterstützen und unsere Coaching-Tools verbessern, egal ob für Veranstaltungen, Institutionen, Unternehmen oder Städte.

Hat dieser Beitrag deine Fantasie angeregt und tauchen in deinem Kopf Ideen für Zero Waste Projekte auf?

Nicht vergessen.... das Schlüsselwort lautet "RE///THINK"!

 

Marc Delaperrière

(Übersetzung aus dem Englisch - Lena Braun)

Vielen Dank an dem Team von Opencampus!

Bilder: Pia Stock, Marie & Marc Delaperrière, zero waste kiel e.V.